Sternstunden des studentischen Elends
Gestern fand in der Uni Jena, wie ich schon berichtet hatte, eine studentische Vollversammlung zur Diskussion über die weitere Förderung der Zeitschrift Unique durch den Stura statt. Nach 3 1/2 Stunden Diskussion kam es zu folgendem Ergebnis: Wenn bis zum nächsten Dienstag ausreichend Unterschriften gesammelt werden können, wird es eine Urabstimmung zu dieser Frage geben. Während der Vollversammlung wurde lediglich ein richtungsweisendes Meinungsbild erstellt, bei dem 297 Student_innen gegen und 274 Student_innen für eine weitere Förderung stimmten. Während der Diskussion empfand ich drei Punkte als besonders kennzeichnend für die ganze Debatte:
1. Als ein Jenaer Neonazi im Hörsaal erkannt und hinausbefördert wurde, wurde von mehreren Stimmen laut, dass es sich dabei um einen schrecklich intoleranten Akt gehandelt habe. Dass niemand mit den Nazis diskutieren würde, wäre ein erheblicher Grund für ihren Erfolg. Sie würden sich dadurch bestärkt fühlen, da sie den Eindruck bekommen könnten, dass niemand ihren Argumenten entgegnen könne. Überhaupt gelte doch Meinungsfreiheit – am Ende wurde in der Diskussion die Herausbeförderung zu nichts anderem als einer Menschenrechtsverletzung. Für die nächste Vollversammlung werde ich eine Beobachtung durch Amnesty International anfordern.
2. Sobald in der Diskussion in einem Hörsaal mit über 500 Student_innen Antisemitismus als etwas angeführt wird, das sich nicht nur im direkten Hass gegen Juden äußert, kommt es bei einem großen Teil der Anwesenden zu Buh-Rufen. Die Erinnerung daran, dass dieses Thema in Deutschland eine besondere Brisanz hat, wird unter anderem mit „Halt dein Maul!“ kommentiert.
3. Der größte Teil der Gegner_innen von Unique ist nicht in der Lage eine Zeitschrift und ihren Chefredakteur zu kritisieren, ohne auf dessen zeitweiligen Kontakt mit einem Neonazi zu verweisen. Auf die Idee, dass man Texten und Äußerungen mit Argumenten entgegnen kann, ohne auf private Kontakte zu verweisen (die meines Erachtens niemanden etwas angehen, egal um wen es sich handelt), kommt in diesen Tagen kaum jemand. Nach der Auffassung mancher aufrechten studentischen Linken, hat ein Chefredakteur einer studentischen Zeitschrift überhaupt kein Recht auf ein Privatleben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich die Lust am Schnüffeln um so mehr steigert, wie die Linke eine Ahnung ihrer eigenen Argument- und Bedeutungslosigkeit bekommt. Meines Erachtens gäbe es wirklich wichtigere Dinge zu tun, als Email-Accounts zu hacken. Eine Diskussion, die sich an solchen Skandalen entfacht, wird kaum über moralisches Gezeter hinauskommen.
Aber – das wurde gestern immer wieder gesagt – das wichtigste ist doch der Diskurs!
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Edit: Die oben angegebenen Zahlen der Abstimmung stimmen nicht ganz, nach dem Stura haben 51% (283 Stimmen) für eine Mittelkürzung und 49% (275 Stimmen) dagegen gestimmt. Aber wat solls: „Nichtsdestotrotz wurde eine sehr konstruktive Debatte geführt (…).“ (Harrg). Via
