Mehr Farben – Mehr Freude?


[via]
Wenn man mich fragen würde, was ich an Weimar verachte, dann würde mir – home is where my hate is – sicherlich eine Menge einfallen. Besonders sichtbar wird der unselige Geist einer solchen Stadt, wenn wieder mal eine Oberbürgermeisterwahl ansteht und manch spießbürgerlicher, weltabgewandter, dumpf heimatverliebter und kleinkarierter OB-Kandidat seinen Charakter auch offen zur Schau stellt, um seine Wähler – die genauso sind – ehrlich erreichen zu können; so etwa Carsten Meyer von den Grünen, dem es nicht peinlich ist, mit dem Spruch »Lass du die große Welt nur sausen, Wir wollen hier im stillen hausen« für seine Wahl zu werben und dies auch noch als Goethe-Zitat auszugeben. Eben jener Carsten Meyer ist sich aber nicht nur darüber bewusst, dass Goethe und Schiller aus Weimar kamen, sondern natürlich weiß er auch vom avantgardistischen Flair, der stets von der Bauhaus-Universität ausging. So hat er (oder einer seiner Wahlhelfer) sich eine »Originelle Plakataktion« [via] ausgedacht: Die Künstlergruppe »Land in Sicht« an der Bauhaus-Uni (betreut vom Kunst-Prof Joachim Preiß) hat sich dafür hergegeben und hat Herrn Meyer mit der Gestaltung von sieben großformatigen Wahlkampfplakaten unterstützt. Neben einigen mehr oder weniger langweiligen Entwürfen, die allesamt von denen manche an den Stil der Leipziger Schule erinnern, wurde am vergangenen Dienstag ein ganz besonders aussagekräftiges Plakat von den Künstlern und Wahlkämpfern enthüllt: Im Vordergrund sieht man eine Reihe von sechs je verschiedenfarbigen Mülltonnen, während sich im Hintergrund die blass-trübe Landschaft einer Plattenbau-Gegend vor den blauen Himmel schiebt. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man eine langhaarige, etwas verlotterte Gestalt mit einem Plastik-Beutel in der Hand, die sich unentschlossen den farbigen Mülltonnen nähert – neben dieser Figur prangt der Slogan: »Mehr Farben. Mehr Freude.« Die TA, die wohlwollend über die gelungene Plakataktion schreibt, weiß zu berichten, dass es sich bei dieser Figur um einen Mann handelt, »den viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften«. Und tatsächlich – wer sich öfter in der Weimarer Innenstadt bewegt, erkennt auf dem Bild eindeutig einen Mann, der sich jeden Tag ein paar Cent damit verdient, Papierkörbe und Mülltonnen nach Pfandflaschen zu durchsuchen. Nun, was ist davon zu halten?
Politische Kunst ist meistens peinlich – sich als »Künstlergruppe« an eine etablierte politische Partei anzuschmeißen spricht dagegen nicht nur für einen wirklich schlechten Geschmack, sondern ist zudem gleichzeitig ein doppelter Verrat – an der Autonomie der Kunst, die sich einst von den staatlichen Institutionen emanzipierte, sowie am avantgardistischen Aufhebungsversuch der Kunst (dies gerade an einem Ort, wie dem Bauhaus, das vormals von den Weimarer Spießbürgern vertrieben worden war). Aber sei’s drum. Wie viel schamlose Arroganz gehört dazu, aus einer materiell nicht gerade schlecht gestellten Position (als Kunst-Prof, Student und Stadtrat), einen Menschen, der aus welchen Gründen auch immer (sicher weder aus Zufall, noch selbstgewählt, noch aus Vorliebe für farbige Mülltonnen), vom Müll der anderen leben muss, derart bloßzustellen? Sich so unverhohlen über das Elend, das man sich selbst ganz bestimmt nicht wünscht, lustig zu machen? Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss.
Sicherlich mit Bewusstsein darüber, dass dieser Klassenkampf von oben, von denen, die damit gemeint sind, nicht gerade mit Gegenliebe beantwortet werden wird, haben die Künstler – und das passt ganz zum zwielichtigen Habitus eines Neo Rauch – das Plakat direkt neben der Polizeiwache am Kirschberg aufgestellt. Weil es zu gefährlich wäre, kann man nun kaum dazu aufrufen, dieses Plakat seinerseits künstlerisch umzugestalten – so muss man aufs Ganze gehen und sollte es mit Raoul Hausmann halten:

Wir werden Weimar in die Luft sprengen!

Edit (11:55 Uhr):

Ich habe eben erfahren, dass jemand beherzt genug gewesen ist und schon gestern Nacht (also bevor ich meinen Artikel geschrieben habe) die Nähe zur Polizei nicht gescheut hat. Falls es zu irgendwelchen Repressalien kommt, jetzt schon mal: Aufruf zur Solidarität mit den Betroffenen!

15 Kommentare zu „Mehr Farben – Mehr Freude?“

  1. herbert sagt:

    Unglaublich guter Artikel, unglaublich gut! Zu dem Wahlplakat fällt mir nichts mehr ein.

  2. isaak sagt:

    ich schliesse mich dem Vorredner an!

  3. Ina Ullmann sagt:

    Ich würde erstens gern wissen, ob der Flaschensammler gefragt wurde, oder nicht. Und zweitens, was er von dem Plakat hält!
    Dann würde ich weitere Interpretationen, denn wir haben alle unsere individuelle Sicht, loslassen.
    Ina Ullmann

  4. Guzz sagt:

    vielen dank für das öffnen der augen!!!

  5. preisistheiß sagt:

    Hey, diese tolle Plakat-Aktion wäre doch ein Grund, dass der völlig deplatzierte „Kunst-Professor“, Stammtischphilosoph und Mädchenschwarm J. Preiß seinen Hut nimmt und geht. Vielleicht wollen ihn ja die Architekten zurück….

  6. Juliane sagt:

    ? Worüber regt ihr euch auf? Achja – es ist wohl Wahlkampf. Und da muß jeder was dazu sagen, wenn es gegen einen Gegner geht, zumal wenn es anonym sein darf.
    Hat mal jemand denjenigen gefragt, der wahrscheinlich ungewollt portraitiert wurde? Nö? Ach, aber alles wissen: Ihm ist es egal. Und ein bißchen freut er sich, weil: Auch er ist Weimar. Er hat übrigens an der Bauhaus-Uni (damals noch unter anderem Namen) studiert. Aber pff: was interessiert das?
    Und die Freude über blinde Zerstörungen? Wie feige ist das denn!
    Ach Jungs, hört auf mit Sand zu werfen: Engagiert Euch öffentlich statt Engagement zu denunzieren. Ihr seid es, die dafür sorgen, dass sich nichts ändert.

  7. Die Schmach noch schmachvoller machen indem man sie publiziert « ärgernis sagt:

    […] Blog « Mehr Farben – Mehr Freude? […]

  8. Administrator sagt:

    @ Juliane – Die Künstlergruppe hat Wahlkampf gemacht, nicht ich. Die Kritik an der einen Sache heißt nicht, dass man Werbung für die andere macht – Kritik funktioniert jenseits von einer Wahl zwischen A und B (eine Sache die ohnehin kaum noch in Mode ist, zumal an der Uni).
    Deine suggestive Frage, ob jemand den Portraitierten mal gefragt hat, was er dazu denkt, finde ich zynisch und dumm. Zum einen habe ich gehört, dass dieser nicht mal gefragt wurde ob er portraitiert werden möchte (d.h. er muss gerade unfreiwillig Werbung für die Grünen machen). Zum anderen hat das Plakat einen objektiven Gehalt, der sich nicht darin auflöst, was einzelne dazu denken. Den habe ich versucht zu kritisieren und darauf kannst du ja mal reagieren, anstatt moralisch rumzuheulen oder einfach suggestive Fragen zu stellen.
    Blind ist nicht die Reaktion auf das Plakat, sondern die Arroganz desselben.

  9. preisistheiß sagt:

    @juliane
    ich hab den „portraitierten“ heut direkt mal gefragt und er wusste von nichts. er wurde weder gefragt, noch stand er akt fuer die szene. er hat den Rummel um sich auch mitbekommen und sagt das ihm das egal sei -glücklich darüber schien er allerdings auch nicht zu sein.

  10. preisistheiß sagt:

    @juliane
    ps:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pers%C3%B6nlichkeitsrecht_(Deutschland)

  11. Administrator sagt:

    Das fiel mir noch ein zum Thema (wie passend!): Knochenfabrik – Obdachlos und trotzdem sexy

  12. Wikitoria sagt:

    Hier Wikipedia: Folgendes:
    „Höchstes Ziel ist für die Kyniker, wie für die meisten anderen nachsokratischen Schulen, das Erreichen des Glücks des Einzelnen. (…) Worin die eigentliche Tugend besteht, scheinen die Kyniker nicht näher definiert zu haben. Am ehesten finden wir eine Antwort in den Anekdoten, die über die Kyniker verfasst worden sind: Primär ist die kynische Tugend als Vermeidung des Übels und Bedürfnislosigkeit zu verstehen. (…)Doch auch wenn die Bedürfnislosigkeit die Autarkie sichert, so führt sie zur Negation der althergebrachten Sitten, Normen und Gesetzen, der Kultur, Kunst und Familie, bis hin zur Erregung des öffentlichen Ärgernisses. Dieses muss in Kauf genommen, ja sogar erwartet werden: Durch die Bedürfnislosigkeit wird dem Schicksal aber möglichst wenig Angriffsfläche geboten: wer nichts besitzt, kann auch nicht enttäuscht werden, weil er nichts verlieren kann.(…)Die Mittel, mit denen die Kyniker „zubeißen“,(…)sind das Vorleben der Armut, Provokation und Satire und Spott in Form von heftigen Bußpredigten, die durch einen aggressiven Stil des Vortrags, auffällige, extreme Bildersprache und derbe Anschaulichkeit gekennzeichnet sind. (…)Häufig waren die Kyniker auch darauf aus, durch Skandale Aufmerksamkeit zu erregen, um ihrem Protest gegen die bestehenden Verhältnisse Nachdruck zu verleihen.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kyniker

  13. Wenn Künstler Politik machen « Im Kopf Lokalisation sagt:

    […] Ein anderes Plakat für den Grünen Politiker Carsten Meyer hat den Unmut von aergernis und anderen Bauhaus-Studierenden auf sich gezogen. Es ist eine Kreation der Studentin Katja Triol und zeigt, für politische Plakate von heute eher ungewöhnlich, einen sozial- und gesellschaftlich Exkludierten:  Zu sehen ist stilisiertes Ghetto, ein Mann mit Plastikbeuteln und verschiedenfarbige Mülltonnen. Der Zusammenhang wird schnell deutlich – offensichtlich ein Flaschensammler oder jemand der Mülltonnen durchsucht. Der Slogan “Mehr Farben. Mehr Freude.” lässt sich vielseitig verstehen, spielt hier jedoch auf die Mülltonnen an. Also: mehr Freude für die Tonnenwühler wegen der Vielzahl an Farben. Der Grüne Politiker Meyer hilft auch dir Tonnenwühler zu einem glücklicheren Leben, aka “im Tale grünet Hoffnungsglück.” Es ist kein Witz, trotzdem ist es lustig gemeint. Was zeigt es genau? Aergernis meint nicht untreffend: Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss. (src) […]

  14. Wenn Künstler Politik machen « Im Kopf Lokalisation sagt:

    […] Ein anderes Plakat für den Grünen Politiker Carsten Meyer hat den Unmut von aergernis und anderen Bauhaus-Studierenden auf sich gezogen. Es ist eine Kreation der Studentin Katja Triol und zeigt, für politische Plakate von heute eher ungewöhnlich, einen sozial- und gesellschaftlich Exkludierten:  Zu sehen ist stilisiertes Ghetto, ein Mann mit Plastikbeuteln und verschiedenfarbige Mülltonnen. Der Zusammenhang wird schnell deutlich – offensichtlich ein Flaschensammler oder jemand der Mülltonnen durchsucht. Der Slogan “Mehr Farben. Mehr Freude.” lässt sich vielseitig verstehen, spielt hier jedoch auf die Mülltonnen an. Also: mehr Freude für die Tonnenwühler wegen der Vielzahl an Farben. Der Grüne Politiker Meyer hilft auch dir Tonnenwühler zu einem glücklicheren Leben, aka “im Tale grünet Hoffnungsglück.” Es ist kein Witz, trotzdem ist es lustig gemeint. Was zeigt es genau? Aergernis meint nicht untreffend: Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss. (src) […]

  15. Administrator sagt:

    @ Wikitoria: Was wollen Sie mir/uns sagen?